Nicht nur bei Katastrophen für alle da

28.06.16 / 12:04

Foto: Vincenc Gotthardt

Wir feiern heuer unser 95-Jahr-Jubiläum. Der Blick in den Rückspiegel zeigt eine Hilfsorganisation, die besonders nach den beiden Weltkriegen für die Menschen da war. Wir sind im Jahr 2016 auch ein großes Dienstleistungsunternehmen. Interview mit Caritasdirektor Josef Marketz über das Gestern, Heute und Morgen. 

95 Jahre Caritas Kärnten. Wie waren die Anfänge?

JOSEF MARKETZ: Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg war in Österreich viel zerstört. Es gab großes zivilgesellschaftliches Engagement. Um alle kirchlichen Kräfte zu bündeln und die notwendigen Strukturen für den Wiederaufbau zu schaffen, hat Bischof Adam Hefter in Kärnten am 21. November 1921 den ,,Kärntner Karitasverband für Wohlfahrtspflege und Fürsorge“ gegründet. Schon im Mai 1920 hatte der Bischof das Caritas-Sekretariat errichtet, das sich in erster Linie seelsorglichen Aufgaben gewidmet hat.

Die Caritas hat auch nach dem Zweiten Weltkrieg den Menschen geholfen. Wie?
MARKETZ: Es gab furchtbare Kriegsschäden. Es herrschte große Not. Rund 100.000 Flüchtlinge hielten sich in Kärnten auf. Die meisten wanderten im Laufe der Jahre aus. Die Caritas unterstützte sie dabei. Sie übernahm und verteilte aber auch Hilfslieferungen aus dem Ausland. So wurden, wie es aus der Festschrift zum 60-Jahr-Jubiläum der Caritas hervorgeht, bis 1967 allein 1795 Tonnen Lebensmittel ,,in unzulänglichen Transportmitteln verteilt“. In der Festschrift heißt es weiter: ,,Fürsorgeschwestern und Hilfskräfte wurden eingestellt, um die Flüchtlinge in diversen Lagern zu betreuen. Ein Ansiedlungsprogramm half 1500 Flüchtlingen beim Eigenheimbau. Verarmte Einheimische erhielten auf Pfarrgrund Bauland um einen symbolischen Betrag“.

Die Caritas ist heute nicht nur eine große Hilfsorganisation, sondern auch ein großes soziales Dienstleistungsunternehmen. Wie kam es dazu?
MARKETZ: Herzstück der helfenden Caritas war, ist und bleibt die Sozialberatung mit ihrem Angebot für unsere ärmsten MitbürgerInnen. Als Dienstleistungsunternehmen ist die Caritas unter Viktor Omelko, der 40 Jahre Direktor war, groß geworden. Dr. Omelko hat die Zeichen der Zeit richtig erkannt und ließ Kindergärten, Pflegeheime, Lebensberatungsstellen, Behindertenwerkstätten und vieles mehr errichten. Die Caritas ist heute ein Betrieb mit 1200 hauptamtlichen und zurzeit 600 sehr aktiven, freiwilligen MitarbeiterInnen in zehn ganz verschiedenen Bereichen. Ihnen allen möchte ich für ihr großes Engagement danken.

Ihr Arbeitsmotto?
MARKETZ: Die Caritas bietet Menschen – vom Kleinkind bis zum Sterbenden – Hilfe und Begleitung in den unterschiedlichsten Lebensphasen an. Bei aller Professionalität, der wir uns verpflichtet fühlen, versuchen wir Mitmenschlichkeit aus ganzem Herzen zu leben. Uns ist es wichtig, in jenen Bereichen zu arbeiten, die von der Gesellschaft gebraucht werden. So verfügen wir bei der Pflege und Betreuung über ein Komplettangebot - von der mobilen Hauskrankenpflege bis zur 24-Stunden-Betreuung, von der stationären Pflege bis zur würdevollen Hospizbegleitung am Ende des Lebens.

Die Caritas geht neue Wege, eröffnet im Herbst mit magdas-LOKAL ein Social Business, betreibt ab 6. Juli 2016 einen SPAR-Supermarkt in Villach. Warum?

MARKETZ: Wir stellen uns den Herausforderungen der Zeit. Die Caritas ist für alle Menschen da, die sich am Rande der Gesellschaft befinden und Hilfe brauchen. Das sind Langzeitarbeitslose, die in Villach wieder fit für den ersten Arbeitsmarkt gemacht werden, ebenso wie anerkannte Flüchtlinge, die in magdas-LOKAL eine Ausbildung und eine Chance auf Integration in den Arbeitsmarkt wie in die Gesellschaft bekommen.

Wofür steht die Caritas ein?
MARKETZ: Unser anwaltschaftliches Auftreten für alle Menschen in Not ist mir wichtig. Das Evangelium gibt uns eine Haltung auch zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen vor und wir haben keine Scheu, diese auch zu zeigen. Wir stehen voll hinter der Caritas Österreich und vertreten ihre Positionen in Fragen, wie Armutsbekämpfung, Asyl und aktuell bedarfsorientierter Mindestsicherung.

Ihre Wünsche zum 100. Geburtstag in fünf Jahren?
MARKETZ: Dass unsere magdas- und Supermarkt-Projekte erfolgreich sind und sich unsere Wohnungslosenbetreuung gut entwickelt. Ich wünsche mir auch, dass es viele Asylberechtigte geschafft haben, sich kulturell zu integrieren. Außerdem möge die Caritas eine ganz wichtige Form des Christseins bleiben und vielen Menschen dabei helfen, das Christsein in der Liebe zum Nächsten zu leben.