„Sehnsucht nach mehr Leben“

29.03.18 / 07:53

Bei einer Suizid-Tagung der Caritas in Klagenfurt wurde der Ruf nach Vernetzung und Prävention laut. Lesen Sie hier, wie man Menschen, die nicht mehr leben wollen, am besten helfen kann.

Die Fakten sind alarmierend: Kärnten hatte im Jahr 2016 die höchste Suizidrate in Österreich. Ältere Menschen nehmen sich öfter das Leben als jüngere. Präventionsarbeit ist für Ursula Luschnig als Menschen in Krisen-Bereichsleiterin der Caritas Kärnten daher das Gebot der Stunde. Demgemäß fand am 23. März im Studentenheim Concordia in Klagenfurt die Fachtagung zum Thema Suizid unter dem Titel „Sehnsucht nach mehr Leben“ statt.

Rund 120 TeilnehmerInnen setzten sich mit der Frage auseinander, welche Gründe es dafür geben kann, dass ein Mensch nicht mehr weiterleben möchte. Hauptreferent Claudius Stein, Psychotherapeut und ärztlicher Leiter des Kriseninterventionszentrums Wien, erläuterte soziodemografische Daten und ging dann auf die Begleitung suizidaler Menschen ein.

Fehleinschätzungen und die Wahrheit

Er benannte häufige Vorurteile und Fehleinschätzungen (Anmerkung: kursiv geschrieben) zum Thema Suizid, nämlich:

Wer darüber spricht, bringt sich nicht um.
Mindestens 80 Prozent der Menschen, die Suizid begehen, kündigen diesen vorher an.

Wer sich wirklich umbringen will, dem kann ohnehin nicht geholfen werden.
Gute soziale Unterstützung bei der Bewältigung einer schwierigen Lebenssituation (privat und/oder professionell) kann viele Suizide verhindern.

Wer es einmal versucht, versucht es immer wieder.
80 Prozent aller Suizidversuche sind einmalige Ereignisse. Allerdings sind jene Menschen, die wiederholt versuchen, sich das Leben zu nehmen, besonders gefährdet!

Wenn man jemanden auf Suizidgedanken anspricht, bringt man ihn erst auf die Idee, sich umzubringen.
Die Möglichkeit einer offenen Aussprache ist für den Betroffenen fast immer erleichternd.

Ein Suizidversuch ist nur Erpressung.
Starker Druck ist zunächst ein Hinweis auf das Ausmaß der Verzweiflung und die Intensität des Anliegens.

In besonders schlechten Zeiten ist die Suizidrate hoch.
Nicht die objektiv schlechte Situation, sondern schwerwiegende Veränderungen in einer Gesellschaft führen in der Regel zu hohen Suizidraten.

Beziehungangebot als Hilfe

Stein sprach auch über die Ursachen von Suiziden. Es gäbe keine Krankheit und keine Umstände, die zwangsläufig zum Suizid führen würden, aber es gäbe Anfälligkeiten, Krankheiten und belastende Ereignisse, die manche Menschen mehr als andere in die Selbsttötung treiben würden. Meist handle es sich um ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, das letztendlich zur Tat führe. Der Experte appellierte an die ZuhörerInnen, suizidale Menschen ernst zu nehmen, ihnen zuzuhören, aufmerksam zu sein und nachzufragen. Stein: „Es muss möglich sein, ihnen ein Beziehungsangebot zu machen. Dafür braucht es genügend Ressourcen.“

In dasselbe Horn stößt auch Menschen in Krisen-Bereichsleiterin Luschnig. Will Kärnten nicht mehr das Bundesland mit der höchsten Suizidrate sein, brauche es neben den „notwendigen finanziellen Ressourcen auch viel mehr Präventionsarbeit, eine enge Vernetzung und Austausch der verschiedenen Institutionen“. Suizid(prävention) sei immer wieder Thema in den Beratungsstellen und in der Telefonseelsorge. Das Schöne an der Arbeit: „Wir sehen, dass durch unser Angebot und durch eine schnelle Hilfe in Akutsituationen viel abgefangen werden kann.“

Workshops mit Tiefgang

Bei den Workshops ging es weiter in die Tiefe. Themen waren „Sucht und Suizid“ (Referent Christoph Schneidergruber), „Suizidalität im Alter“ (Christine Leyroutz), „Von der Kunst der Selbstfürsorge“ (Angelika Krifter), „Risikogruppe Mann – Männer und Suizid“ (Karlheinz Weidinger) sowie „Ein Schatten auf dem Leben – Hinterbliebene nach Suizid“ (Claudius Stein).

Veranstalter der von TelefonSeelsorge-Leiterin Silvana Fischer moderierten Tagung war der Bereich Menschen in Krisen der Caritas anlässlich des 40-Jahr-Jubiläums der Telefonseelsorge