Einblicke in ein Leben am Rand

31.10.18 / 15:49

Der österreichische Dokumentarfilm „Zu ebener Erde“ thematisiert die Obdachlosigkeit und bringt die ZuschauerInnen zum Hin- statt Wegsehen. Bei der Vorstellung in Klagenfurt wurde über die Situation in Kärnten diskutiert.

Sie leben am Rand der Gesellschaft und zugleich mitten unter uns; man sieht sie und schaut weg, als ob es sie nicht gäbe: Der Dokumentarfilm „Zu ebener Erde“ rückt Menschen in Wien, die ohne Obdach leben, ins Blickfeld. Die FilmemacherInnen Birgit Bergmann, Steffi Franz und Oliver Werani waren über ein Jahr lang – durch alle Jahreszeiten hinweg – an ihrer Seite.

Zwischen respektvoller Distanz und ehrlicher Nähe begleitet die österreichische Dokumentation Herrn B. auf seinen routinierten Wegen durch Parkanlagen, zu provisorischen Schlafplätzen und Sozialeinrichtungen, in denen er herzlich empfangen wird. Frau H., die auch bei bitter-eisiger Kälte längere Aufenthalte in beengten Unterkünften meidet, hat sich im Wald am Stadtrand einen höhlenartigen Unterschlupf aus Zweigen gebaut. Der Film zeigt den ruppigen Umgangston zwischen Herrn L. und seiner zerbrechlich wirkenden Ehefrau K. ebenso wie bedrückende Szenen, die in alkoholbetäubter Leere zerfließen. Die eindringlichen Porträts erzählen – ohne zu werten – von der Bewältigung des Alltags auf der Straße, von Freiheit und Abhängigkeit, von Bedürfnissen und Grenzen, von Krankheit und Tod und letztlich der unteilbaren Würde des Menschen.

Gefühl der Leichtigkeit und des Schmerzes

Caritasdirektor Josef Marketz hat der Film „sehr berührt“, wie er bei einer Podiumsdiskussion anlässlich dessen Präsentation am 24. Oktober 2018 im Volkskino in Klagenfurt dem Publikum erzählte. Ein Gefühl der Leichtigkeit habe ihn während der Vorstellung begleitet, sich aber „langsam ins Schmerzhafte“ verwandelt. Sterben und Tod seien während des Drehens ständige Begleiter gewesen, schilderte die Kärntner Regisseurin Birgit Bergmann: „Es ging uns allen emotional immer wieder abwechselnd schlecht“, gewährte sie „Einschau“ in das Innenleben der FilmemacherInnen. Diesen ist eine entwaffnende wie packende Dokumentation gelungen, die die ZuschauerInnen auch den eigenen Blick auf ihre unmittelbare Umgebung reflektieren lässt.

Ein Déjà-vu nach 25 Jahren

Kontrollinspektor Claus Kügerl erinnerte der Film an seine Anfänge bei der Polizei vor 25 Jahren in Wien: „Damals habe ich in der Nähe der ,Gruft´ gearbeitet und drei Protagonisten persönlich kennengelernt.“ Marc Glintschnig ist mit Bruder Tom im Vorjahr in Irland in die Rolle von Obdachlosen geschlüpft, um auf dem „Ireland Way“ ohne Geld und Proviant für das Thema zu sensibilisieren und Spenden für unsere Wohnungslosen-Tagesstätte „Eggerheim“ zu sammeln. Auch wenn die beiden keine schlechten Erfahrungen gemacht haben, weiß Marc: „Es ist nicht leicht um Hilfe zu bitten. Arbeiten fällt leichter.“

Betroffene werden mehr und jünger

Was aber, wenn man keine Arbeit hat? Keine mehr findet? Wenn Krankheit, Jobverlust, der Tod eines Partners oder ein anderer Umstand einen ins gesellschaftliche Out katapultiert, in die Wohnungslosigkeit und vielleicht sogar zum Betteln gebracht hat? Eine Anlaufstelle für diese Menschen ist die Caritas mit ihrer Wohnungslosentagesstätte in Klagenfurt mit bis zu 70 BesucherInnen pro Tag. „Zu uns kommen nicht nur Obdachlose, sondern auch ältere und einsame Menschen“, erklärte Marketz. Und: „Die BesucherInnen werden mehr. Sie werden jünger. Das sorgt mich!“

Kaum Bettler unter Kärntens Obdachlosen

Die Kärntner Obdachlosenszene sei anders als jene in Wien, Bettler seien eher Angehörige der Roma, so Caritasdirektor Marketz. Kügerl als Sicherheitskoordinator der Polizei meinte, dass sich der Großteil der obdachlosen Menschen in Klagenfurt helfen lasse. Die Polizei werde nur gerufen, wenn es Probleme gäbe, etwa, wenn sie öffentlich urinieren. Kügerl berichtete vom Spagat, einerseits für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen und andererseits bei der Ausübung des Jobs menschlich zu bleiben.

Politik gefordert

Um die Menschen von der Straße zu holen, vermittelt die Caritas kostengünstige Wohnungen. Marketz wünscht sich von den Entscheidungsträgern in Stadt, Land und Staat Rahmenbedingungen, „die den Menschen ein halbwegs würdevolles Leben ermöglichen und von der Gesellschaft, dass sie auf Obdachlose hinschaut und nicht die Straßenseite wechselt, wenn sie Bettlern begegnet“.

Steiniger Weg zurück

Regisseurin Bergmann findet die gesellschaftliche und politische Entwicklung „beängstigend. Der Weg von obdachlosen Menschen zurück von der Straße ist kaum möglich. Da muss sich viel ändern“. Marc Glintschnig sieht die Gesellschaft gefordert: „Es gilt, den politischen Entwicklungen entgegenzuwirken. Dazu braucht es eine Änderung in punkto Denken und Einstellung.“