Die Armut in Spittal ist oft versteckt

13.12.18 / 07:56

Die Caritas-Begegnungswoche im Bezirk Spittal an der Drau ist vorbei. Was bleibt, ist ein Befund über die Sorgen und Nöte der Bevölkerung sowie konkrete Ansätze für nachhaltige Lösungen.

Im Rahmen der Begegnungswoche, die vom 11. - 18. November stattgefunden hat, gab es ein Vernetzungstreffen mit der Soziallandschaft Spittal. Dabei wurde die Erarbeitung eines Positionspapiers von Caritas und Partnerorganisationen beschlossen. Jetzt liegt es vor:

Hilfe von Mensch zu Mensch

Wir blicken auf eine erfolgreiche Caritas-Begegnungswoche zurück, in welcher die Notlagen der Menschen im Bezirk Spittal diskutiert, herausgearbeitet und erste Schritte für konstruktive Lösungsansätze entwickelt wurden. Durch die Vernetzung insbesondere mit der Soziallandschaft möchten wir hiermit im Sinn gemeinsam getragener Verantwortung einige Punkte in Bezug auf die Nöte und Rahmenbedingungen für eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Politik und sozialen Hilfsorganisationen festhalten.

Es ist die Aufgabe von sozialen Hilfsorganisationen, konkrete Hilfe von Mensch zu Mensch zu leisten. Aus dieser Arbeit erwerben Organisationen ihr Wissen über die sozialen Notlagen, wo strukturelle Defizite bestehen und welche Verbesserungen notwendig sind, um Probleme und Not abzuwenden. Daraus wächst auch eine Verpflichtung für Menschen, deren Stimme oft nicht wahrgenommen wird, einzutreten.

Daraus wächst auch die Verpflichtung, für Menschen einzutreten, deren Stimme oft nicht wahrgenommen wird. Aber Hilfsorganisationen haben in diesen Zeiten mit knapper werdenden Mitteln zu kämpfen, die durch die begrenzten öffentlichen Mittel für den Sozialbereich verschärft werden. Kürzungen für Hilfsorganisationen im Sozialbereich bedeuten auch, die Schere zwischen Angebot und Nachfrage aufgehen zu lassen und nicht mehr dem Bedarf entsprechend arbeiten zu können.

Notlagen in Spittal

Statistisch gelten rund 9.000 Menschen in Spittal als armutsgefährdet. Jedoch ist die Zahl jener Menschen, die Sozialhilfe in Anspruch nehmen, weit geringer. So beziehen von den rund 76.300 EinwohnerInnen nur 568 Menschen die Mindestsicherung. Das zeigt, dass besonders die Scham Menschen daran hindert, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Somit ist gerade die versteckte Armut eine der größten Herausforderungen im Bezirk Spittal.
Da Hilfeleistungen oft an konkreten Ereignissen gemessen werden (z. B. kein Zuhause) werden Menschen, die nicht in der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, schnell übersehen und es kommt zu einem Mangel an Unterstützungsangeboten für diese Personengruppen. Dies trifft besonders bei sozialer (z. B. Einsamkeit) oder psychischer Armut (z. B. psychischen Erkrankungen) zu.

Die massive Zunahme von psychischen Belastungen sowie die hohe Suizidrate treffen derzeit auf lange Wartezeiten bei Beratungsangeboten (z. B. Lebensberatung oder Psychotherapie) – was sich durch die Kürzungen von Bundesseite weiter verschärft hat.
Wenn Menschen in akuten Lebenskrisen im Stich gelassen werden, kann dies zu dramatischen Folgen (z. B. Suchterkrankungen, Suizid, etc.) für die Person, die Familie und das soziale Netz führen. Auch die ärztliche psychiatrisch mangelhafte Versorgung im stationären und niedergelassenen Bereich erschwert es, Menschen in massiven akuten Situationen entsprechend zu versorgen.

Aber auch Einsamkeit und Isolation sind nicht nur für Menschen in Krisen, ältere Generationen, sondern auch für junge Menschen eine Herausforderung. In Kombination mit mangelnden Perspektiven (z. B. Ausbildungsmöglichkeiten, Angeboten für Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf) oder Schicksalsschlägen suchen Betroffene oftmals Zuflucht in irgendeiner Form von Ablenkung, was mitunter zu Suchterkrankungen führen kann. Aber auch keine Arbeit bzw. prekäre Arbeitsverhältnisse insbesondere für die Gruppe der älteren Menschen, Alleinerziehenden und Menschen, die vom Phänomen „working poor“ betroffen sind, d. h. jene, die trotz Arbeit zu wenig Geld zum Leben verdienen, sowie die Tatsache, dass viele Menschen auspendeln müssen, führen zu großen Belastungen bei den Betroffenen.

Ansätze für nachhaltige Lösungen

Sozialleistungen in Kombination mit entsprechender Begleitung und praktischen Hilfestellungen ermöglichen es, akute Krisen abzufedern und langfristig aus dem Kreislauf der Not auszubrechen. So sei darauf verwiesen, dass Kürzungen bei Sozialleistungen besonders die verletzlichsten Menschen in der Gesellschaft am meisten treffen und damit den sozialen Frieden gefährden.

Um Menschen Unterstützung und Menschlichkeit in herausfordernden Lebenslagen entgegenzubringen, ist besonders das soziale Engagement im Bezirk sowie eine Zusammenarbeit zwischen regionalen Initiativen, Ehrenamtlichen und Hilfsorganisationen notwendig. Dafür braucht es die notwendigen Rahmenbedingungen, wie beispielsweise hauptamtliches Personal für die Koordination von Freiwilligen. Dies garantiert eine wertschätzende, anerkennende Kultur des Miteinanders, sodass Freiwillige sich gerne im Rahmen der Organisation engagieren und ihre wertvollen Ressourcen auch langfristig zur Verfügung stellen.

Dieses soziale Netz lässt es zu, Armut zu lindern, Krisen abzufangen und somit das soziale Zusammenleben in der Region zu festigen.
Durch lokale Hilfsorganisationen ist es möglich, Hilfe schnell, zielgerichtet und nachhaltig zu ermöglichen. Um Armut nachhaltig zu begegnen, ist eine gute Zusammenarbeit und ein offener Diskurs zwischen Hilfsorganisationen und Politik erforderlich.
Soziale Dienstleister und Hilfsorganisationen erfüllen durch ihre Arbeit Gesetzesaufträge. Das Verhältnis zwischen Politik und diesen engagierten TrägernInnen in unserem Land sollte daher weg vom „Bittsteller-Status“ hin zu einer PartnerInnenschaft auf Augenhöhe führen. Denn nur durch die gemeinsame Zusammenarbeit ist es möglich, ein tragfähiges Netz zu spannen und eine gute Lebensqualität für alle Menschen in der Region sicherzustellen.

In diesem Sinne geben die Hilfsorganisationen gerne genauere Auskunft zu den sozialen Notlagen, den Lösungsansätzen und begrüßen jede Initiative zur kooperativen Zusammenarbeit.

Verfasser:

Caritas Kärnten - Dr. Josef Marketz, Eva Daisenberger MA BA, Mag.a Andrea Arztmann-Schnitzer
Familija - Mag.a Ursula Blunder
Vitamin R- Mag. a Elisabeth Tropper-Kranz
Dorfservice- Mag.a Ulrike Kofler, E.MA
Neustart – Elisabeth Gauster

Mitwirkende:

Mobile Jugendarbeit "Junique", - Mag. (FH) Pertl Andrea und Theresa Gruber, MA