Auf dem Weg zu einem gewaltfreien Leben

13.02.19 / 07:49

Karlheinz Weidinger, seit 16 Jahren Leiter der Männerberatung und Gewaltberater der Caritas Kärnten, über die Gewalt an Frauen, das Rollenbild der Männer und notwendige Angebote zur Prävention.

In den vergangenen Wochen häuften sich tödliche Gewalttaten an Frauen durch Männer. Konkret: In Österreich wurden allein im Jänner 2019 sechs Frauen ermordet. Die Häufung, ein Zufall oder mehr?
WEIDINGER: Die Häufung fällt auf. Grundsätzlich ist es aber so, dass Gewalttaten in einer Beziehung immer wieder vorkommen. Das ist nichts Neues. Gerade Trennungs- und Scheidungssituationen sind die gefährlichste Zeit für Frauen.

Wo beginnt Gewalt?
WEIDINGER: Die beginnt bereits bei der Ankündigung, jemandem etwas anzutun. Motto: Wenn du nicht machst, was ich sage, sperre ich dich ein oder schlage ich dich. Allein das Stoßen oder Stupsen ist schon körperliche Gewalt.

Was geht in Tätern vor, die Frauen schlagen?
WEIDINGER: Oft ist es das Gefühl, nicht mehr weiterzuwissen, nicht mehr Herr der Lage zu sein. Ein großes Stück Hilfslosigkeit ist der Grund. Männer, die hilflos sind, passen nicht in das Bild unserer Gesellschaft. Demnach haben Männer alles im Griff zu haben. Sie müssen cool und angstfrei sein. Gewalt in einer Beziehung geht aber gar nicht. Man kann sie nur stoppen, in dem man Grenzen setzt. Wichtig ist es, die Polizei einzuschalten.

Frauen, die Gewalt erleben, schweigen oft sehr lange, weil sie ihren Kindern nicht den Vater nehmen wollen.
WEIDINGER: Männer, die Gewalt ausüben, sind oft auch liebende Väter und Ehemänner. Indem sie ihre Frauen schlagen, tun sie etwas, was unbedingt beendet werden muss. Gewalt zerstört auf Dauer eine Beziehung.

Ist Gewalt typisch männlich? Wer übt sie aus?
WEIDINGER: Täter sind zu über 90 Prozent Männer. Das belegen Statistiken des Gewaltschutzzentrums in Kärnten. Gewalt kommt in jeder sozialen Schicht vor. Täter kann sowohl ein Arzt als auch ein Hilfsarbeiter sein.

Inwieweit spielen patriarchale Denkmuster bei Gewalttätigkeit mit?
WEIDINGER: Patriarchales Denken, bei dem es ja um Unterordnung und auch um Kontrolle geht, spielt auf jeden Fall eine Rolle. In unserer Gesellschaft kommt mehr und mehr das Partnerschaftliche auf. Das ist oft anspruchsvoller als ein patriarchalisches System.

Was raten Sie einem Mann, der anruft und Ihnen erzählt, dass er eben ausgerastet ist?
WEIDINGER: Als erstes gilt es abzuklären, wo sich der Mann gerade befindet und was passiert ist. Wichtig ist, dass sich die Frau im geschützten Bereich aufhält. Dann gilt es aus Sicht der Männerberatung, den hilfesuchenden Mann mit einer Krisenintervention zu stützen und ihm ein Beratungsangebot zu machen.

Wie kann man Menschen von Gewalt abbringen? Wie lange dauert so ein Prozess?
WEIDINGER: Einige Monate. Wendet sich ein Täter selbst an uns, dann ist der erste Schritt bereits getan. Wir bieten ihm Hilfe an, indem wir ihm gut zuhören und versuchen, ihn in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen. Darüber hinaus versuchen wir, in gemeinsamen Gesprächen seine Selbstwahrnehmung und Empathiefähigkeit zu schärfen und eine Strategie zu erarbeiten, wie er die Kontrolle über sich und seine Gefühle behalten kann.

Nach der Häufung von Gewalttaten kündigte die Bundesregierung schärfere Strafen für Täter an, ein probates Mittel?
WEIDINGER: Die Strafen haben wahrscheinlich wenig Wirkung. Aus Sicht der Männerberatung wäre es weit besser, ein Beratungsangebot an die Täter zu machen, damit sie ihr Verhalten verändern können. In Kärnten gibt es 600 Wegweisungen pro Jahr. Wenn nur ein Teil der Männer Beratung bekäme, wäre schon viel gewonnen. Es braucht unbedingt mehr Hilfsangebote, personelle Ressourcen und Mittel, um dem Problem wirksam begegnen zu können.

Männerberatung

Kostenfreie Hilfe. Die von Spenden finanzierte und vom Bund geförderte Beratungsstelle gibt es seit 1999, also seit mittlerweile 20 Jahren. Etwa 1.300 Beratungsgespräche fanden im Jahr 2018 statt. 357 Männer haben sie in Anspruch genommen. Die Beratung ist kostenlos.

Team. Die beiden diplomierten Ehe-, Familien- und Lebensberater Karlheinz Weidinger und Gustav Oitzl – Weidinger ist auch Gewaltberater – unterstützen Männer und Burschen dabei, schwierige und krisenhafte Lebenssituationen konstruktiv zu bewältigen und anstehende Probleme zu lösen.

Voranmeldung. Persönliche und telefonische Kontaktaufnahme: Montag und Donnerstag, 9 bis 11 Uhr, unter Telefon 0463/59 95 00; Männerberatung der Caritas Kärnten, Hubertusstraße 5c, 9020 Klagenfurt.