An der Hand eines lieben Menschen in Frieden sterben

18.04.19 / 12:44

Gespräch mit Frau Ingeborg Wertl, ehrenamtliche Hospizbegleiterin bei der Caritas Kärnten

Wie kam es dazu, dass sie sich entschlossen haben, ehrenamtliche Hospizbegleiterin zu werden und wie lange begleiten Sie schon Menschen auf ihrem letzten Weg?
WERTL:Das Thema „Tod und Sterben“ begleitet mich schon mein ganzes Leben als eine meiner Lebensaufgaben aufgrund meines Sternzeichens.
Seit 6 Jahren begleite ich Menschen.

Was ist das Besondere, sterbende Menschen zu begleiten? Was empfinden Sie dabei?
WERTL:Das Besondere ist, dass man die Seele eines Menschen vom Irdischen ins Jenseits begleiten darf. Meine Aufgabe als Hospizbegleiterin ist es, dem Sterbenden beizustehen beim Übergang in eine andere Welt. Dieser letzte Schritt sollte ohne Angst, in Ruhe und Frieden von statten gehen. Es ist eine Begabung und eine göttliche Gnade, für Menschen in der Zeit des Sterbeprozesses einfach da zu sein. Die Sterbebegleitung erfüllt mich mit einer tiefen Zufriedenheit, inneren Ruhe und Frieden, die im Sterbezimmer besonders deutlich wahrnehmbar ist und die Gewissheit, alles getan zu haben, was mir in diesem Moment als Begleiterin möglich ist. Alles andere liegt in Gottes Hände.
Da der Tod die Geburt in eine andere Welt ist, empfinde ich dabei allerhöchsten Respekt, Wertschätzung, Mitgefühl, Dankbarkeit und tiefe Herzensliebe, diese ehrenvolle Tätigkeit ausüben zu dürfen.

Nehmen die Themen Sterben und Tod in ihrem Leben eine besondere Stellung ein?
WERTL:Ja

Das Sterben und der Tod werden in unserer Gesellschaft immer mehr ausgeblendet. Was läuft da schief?
WERTL:Da nur die Seele ewig lebt und nicht der Körper, will sich niemand mit der Vergänglichkeit beschäftigen. Dabei begegnen wir jede Nacht dem kleinen Bruder des Todes, sobald wir schlafen. Die heutige schnelllebige Zeit erlaubt es nicht, sich diesen Themen zu widmen und hinzuschauen, dabei kommt Tod und Sterben auf jeden irgendwann zu, ist nur eine Frage der Zeit. Spätestens wenn ein Angehöriger verstirbt, ist man mit dem eigenen Tod konfrontiert. Dabei ist es das wichtigste Thema im Leben mit folgenden Fragen: woher komme ich, wer bin ich und wohin gehe ich. Wenn ich mir diese Fragen selbst beantworten kann, bekommt dieses Thema einen besonderen Stellenwert im täglichen Leben und ist somit kein Tabuthema mehr.

Einsamkeit ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Hier sind vor allem alte Menschen betroffen. Wie sehen Sie dieses Thema in ihrer Arbeit als Hospizbegleiterin?
WERTL:Als Hospizbegleiterin darf ich hier meinen Beistand geben, dass der Sterbende auf seinem letzten irdischen Weg wenigstens nicht alleine ist. Einsamkeit, alleine sein im Sterbeprozess, ruft große Ängste und Unruhe hervor. In meiner Hospizarbeit geht es einfach darum, dem alten, sterbenden Mensch Zeit, Verständnis, Geduld, Zuversicht auf ein besseres Leben als Seele bei Gott und Zweisamkeit zu schenken. Dadurch verliert das Gefühl der Einsamkeit seine Macht und der Sterbende gewinnt wieder Vertrauen und Geborgenheit in Gottes Hände.

In der Familie waren in der Vergangenheit auch Sterben und Tod verankert. In den Familienverbänden lebten nicht nur mehrerer Generationen, auch sind die Menschen häufig zu Hause in Mitten ihrer Familie verstorben. Wie sieht die Rolle der Familie heute aus? Ist sie überhaupt noch in die Sterbeprozesse der Angehörigen eingebunden?
WERTL:Dadurch das der alte Mensch heute vielfach seinen Lebensabend in irgendeinem Alten- und Pflegeheim verbringen muss, sind die Angehörigen in den Sterbeprozess kaum mehr eingebunden. Es sei denn, sie erkennen den Wert dieser Erfahrung und leisten ebenfalls Beistand, auch wenn ein Hospizbegleiter anwesend ist. Durch die eigenen Ängste zu diesem Thema bleibt man Sterbenden lieber fern.

Oft kommt in den Sterbeprozessen die Menschlichkeit zu kurz. Der Mensch ist der Medizin und Technik ausgesetzt. Welche Erfahrungen haben sie diesbezüglich gemacht?
WERTL:Hospizbegleitung fängt nicht erst am Sterbebett an, sondern schon viel früher, besonders dann, wenn ein Mensch die medizinische Diagnose „unheilbar krank“ erhält und nur noch eine bestimmte Zeitspanne zu leben hat.
Meine Erfahrungen in den Sterbeprozessen sind sehr positiv. Es gibt immer wieder Personen, die damit nicht umgehen können oder wollen. Grundsätzlich sind vor allem Pflegepersonen und wir als Hospizbegleiter bemüht, dem Sterbenden mit viel Liebe und Menschlichkeit zu begegnen bzw. zu begleiten, was nicht immer so leicht ist, je nachdem, welche eigene Geschichte damit verbunden ist und dadurch sichtbar wird. Der herzliche Umgang der Pflegepersonen mit dem Sterbenden und mit mir als Hospizbegleiter ist sehr motivierend und wertschätzend, was der eigenen Seele sehr gut tut.

Welche Begleitung eines/einer Sterbenden ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben und warum?
WERTL:Jede Begleitung ist so individuell wie jeder einzelne Mensch. Eine Sterbende hat durch meine Anwesenheit tiefen Frieden gefunden und die Seele hat sich in aller Ruhe aus dem Körper zurückgezogen und verabschiedet.
Ein Sterbender aus der jüngsten Vergangenheit erlitt viele Qualen und Leid während des Sterbeprozesses, weil innerhalb der Familie sehr viel Unfrieden besteht und Sterbende sich nichts sehnlicher wünschen, durch Vergebung Frieden zu schließen bevor sie übergehen in die Ewigkeit.

Wie kann man sich konkret die Begleitung eines/einer Sterbenden vorstellen als jemand Außenstehender?
WERTL:Die Begleitung ist ein Dabeisein am Bett des Sterbenden in einem sehr stillen Raum. Unterstützend helfen Aroma Öle, leise Musik, den Sterbenden ganz sanft berühren, Gebete laut oder leise sprechen und einfach nur da sein in aller Stille.
Eventuell noch Wünsche aufnehmen und erfüllen, soweit dies möglich ist.

Findet ihrer Meinung nach das Thema Hospiz in der öffentlichen Wahrnehmung und bei den Verantwortungsträgern genug Gehör? Wie sieht es mit der finanziellen Unterstützung der öffentlichen Hand aus?
WERTL:Nein.
So wie das Thema Tod und Sterben ist auch die Hospizarbeit ein Tabuthema sowohl in der Gesellschaft als auch bei den Verantwortungsträgern. Es gibt nur ganz wenige Personen in solchen Positionen, die sich diesen Themen widmen und auch respekt- und würdevoll damit umgehen.
Die Hospizarbeit ist nach wie vor ein ehrenamtlicher Dienst. Dies sollte meiner Meinung nach auch so bleiben. Lediglich die Ausbildungskosten und das Kilometergeld sollte von der öffentlichen Hand übernommen werden.

Wenn sie jemand fragen würde, warum man sich für die Hospizbegleitung zu Verfügung stellen sollte, man diese Ausbildung machen sollte, welche Gründe würden Sie anführen? Oder anders gefragt, warum ist Hospizbegleitung gerade heute so wichtig?
WERTL:
Wie schon oben erwähnt, können viele alte Menschen nicht mehr in ihrer gewohnten Umgebung, also zu Hause im Familienverband sterben. Da es dem jeweiligen Pflegepersonal aufgrund von Personalmangel nicht möglich ist, über Stunden am Bett eines Sterbenden zu sitzen, mit ihm sein Leben nochmals Revue passieren zu lassen und ihm seine Bedürfnisse zu stillen, braucht es Hospizbegleiter. Auch lieben es Sterbende und sind nonverbal sehr, sehr dankbar, wenn jemand in ihrer Nähe ist. Hospizbegleiter erleichtern mit ihrer Anwesenheit und Zuneigung dem Sterbenden einen friedlichen, würde- und vertrauensvollen Übergang in die neue Welt.

Wir sind für die Betroffenen da:

  • mit 129 ehrenamtlichen HospizbegleiterInnen
  • mit 4000 Stunden ehrenamtlicher Begleitung im Jahr 2018
  • in den Regionen Klagenfurt, Villach, St.Veit/Glan, Wolfsberg, Völkermarkt, Feistritz/Drau, Greifenburg, Feldkirchen

Die einjährige Ausbildung einer/eines Freiwilligen kostet 300 Euro. Jeder Beitrag, den Sie geben können, hilft uns dabei, sterbenden Menschen sowie ihren Angehörigen einfühlsame und gut ausgebildete BegleiterInnen zur Seite stellen zu können!