Und plötzlich ist es Sucht

20.05.19 / 09:39

Foto: Daniel Gollner

In Österreich wird sehr gerne getrunken, aber kaum darüber gesprochen: Christiane Kollienz-Marin, Suchtberaterin bei der Caritas Kärnten, im Interview über den Alkohol, seine Gefahren und die „Dialogwoche Alkohol“.

In Österreich findet zum zweiten Mal – heuer vom 20. bis 26. Mai – eine „Dialogwoche Alkohol“ statt. Warum?
CHRISTIANE KOLLIENZ-MARIN: In Österreich wird Alkohol noch immer verharmlost. Eine Alkoholabhängigkeit ist nach wie vor ein Tabuthema. Dabei sind 370.000 ÖsterreicherInnen alkoholkrank und geschätzte 700.000 Menschen konsumieren Alkohol in einem problematischen Ausmaß. Tabuisierung und gesellschaftliche Stigmatisierung von Betroffenen und Angehörigen machen die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten oft schwer. Deshalb will die österreichweite „Dialogwoche Alkohol“ sachlich über Alkohol informieren und das Gefahrenpotenzial aufzeigen. Außerdem will sie dazu anregen, den eigenen Alkoholkonsum zu überdenken.

Risiko Alkohol: Wie gefährlich sind Bier, Wein, Schnaps & Co?
KOLLIENZ-MARIN: Da der Alkohol durch das Blut über den ganzen Körper verteilt wird, kann das toxische Potenzial fast jedes Organ des menschlichen Körpers schädigen. Mehr als 60 Krankheiten sind nachweislich mit regelmäßig erhöhtem Alkoholkonsum verknüpft.

Welche Auswirkungen hat Alkoholkonsum noch?
KOLLIENZ-MARIN: Ein übermäßiger Alkoholkonsum wirkt sich sehr auf das familiäre Umfeld aus. Gerade Kinder leiden stark darunter. Auch Paarbeziehungen werden belastet. Die Atmosphäre ist geprägt von Anspannung, Unberechenbarkeit, Willkür, Vernachlässigung und vielleicht sogar Gewalt. Kinder kümmern sich um Geschwister oder suchtkranke Elternteile, Scham führt zu sozialer Isolation. All dies erschwert die gesunde Entwicklung von Kindern und führt dazu, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien ein bis zu sechsfach erhöhtes Risiko haben, später selbst eine Suchterkrankung zu entwickeln.

Wie erkennt man eine Alkoholabhängigkeit?

KOLLIENZ-MARIN: Sie entwickelt sich schleichend. Nicht die Menge allein, sondern weitere von der WHO festgelegten Diagnosekriterien geben Auskunft über eine Abhängigkeit. Wenn mindestens drei der angeführten Kriterien während des letzten Jahres aufgetreten sind, herrscht Handlungsbedarf.

  • Es besteht ein starker Wunsch oder Zwang, Alkohol zu trinken.
  • Der/die Betroffene besitzt eine verminderte Kontrollfähigkeit über die Menge seines/ihres Alkoholkonsums.
  • Körperliche Entzugserscheinungen bei Beendigung oder Verminderung des Konsums.
  • Nachweis einer Toleranzbildung – Zeichen ist die Steigerung der Trinkmenge, um einen vergleichbaren Effekt zu erreichen.
  • Vernachlässigung anderer Aktivitäten zugunsten des Alkoholkonsums oder um sich von dessen Folgen zu erholen.
  • Anhaltender Alkoholkonsum trotz des Nachweises und Wissens bei eindeutig schädlichen Folgen.

Was geschieht in der Caritas-Suchtberatung?
KOLLIENZ-MARIN: Wir beraten und begleiten an unseren Standorten in Klagenfurt, Villach und Wolfsberg Suchterkrankte. Im Jahr 2018 haben wir 964 persönliche Beratungsgespräche mit Betroffenen und Angehörigen geführt. 364 Mal haben wir per Telefon und online beraten. Wir arbeiten mit den von Alkoholismus betroffenen Menschen in puncto Krankheitseinsicht und bestärken sie in ihrer Bereitschaft zur Abstinenz. Wir gehen gemeinsam den Ursachen und Persönlichkeitsfaktoren, die zum Suchtverhalten führen, auf den Grund und arbeiten die Probleme auf. Wenn es erforderlich ist, vermitteln wir ambulante bzw. stationäre Behandlungsmöglichkeiten. Nach Abschluss einer stationären Behandlung unterstützen wir Betroffene bei den ersten Schritten in das selbstständige Leben ohne Suchtmittel.

Was, wenn jemand rückfällig wird?
KOLLIENZ-MARIN: Ein Rückfall ist nicht das Ende aller Bemühungen. Er geschieht meist in Momenten, in denen trotz bester Vorsätze und trotz besseren Wissens der eigene Wille nicht ausreicht. Beim Heilungsprozess einer Sucht gilt es zu lernen, diese Rückfälle nicht zu verleugnen, sondern sie zu besprechen und dafür „gerade zu stehen“.

Welche Hilfe gibt es für Angehörige?
KOLLIENZ-MARIN:
Die betroffenen Familienmitglieder brauchen fachliche Unterstützung und Verständnis. Sie sollten sie keinesfalls aus Schamgefühl scheuen. Denn jeder, der mit einem alkoholkranken Menschen in Verbindung steht, wird von dessen Krankheit beeinflusst. Angehörige sollten daher so früh wie möglich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Das ist auch ohne Suchtkranke(n) möglich. Wichtig ist die persönliche Erkenntnis der Angehörigen, dass sie dem oder der Betroffenen nicht helfen können. Er oder sie kann sein Problem nur allein lösen.

Wie kann man einer Sucht vorbeugen?
KOLLIENZ-MARIN: Um Kindern und Jugendlichen ein Leben ohne Suchtmittel zu ermöglichen, ist es wichtig, sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Dies bedeutet, die Entwicklung ihrer persönlichen und sozialen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu fördern. Schon kleine Kinder zeigen ausweichendes Verhalten, um unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen. Dies kann sich etwa im Weglaufen, im Lügen oder in Form von Berieselung durch beispielsweise Fernsehen äußern. So können sie sich Zufriedenheit und innere Ruhe verschaffen oder ein unangenehmes Gefühl vermeiden. Kinder sollen daher lernen, mit belastenden Situationen, unangenehmen Gefühlen, Problemen, Langeweile oder Gruppendruck umzugehen. Dafür benötigen sie ihre eigene Kreativität und die Unterstützung von uns Erwachsenen, vor allem die ihrer Eltern. Kinder müssen erfahren und erleben, dass ihre Gefühle respektiert werden, ihre Leistungen anerkannt und ihre Gedanken ernstgenommen werden.

Info:

Bei der ,,Dialogwoche Alkohol“ handelt sich um eine Initiative der Österreichischen ARGE Suchtvorbeugung in Kooperation mit dem Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und der Gesundheit Österreich GmbH/Geschäftsbereich Fonds Gesundes Österreich. www.dialogwoche-alkohol.at.