Sie lässt neuen Mut schöpfen

01.08.19 / 12:08

In einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs wurde 1974 unsere Lebensberatung gegründet: Zum 45-Jahr-Jubiläum ein Blick in den Rückspiegel und mehr.

Als die Lebensberatung vor 45 Jahren als erste Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle Kärntens auf dem Klagenfurter Domplatz ihre Türen geöffnet hat, begann das „Pflänzchen Emanzipation“ zart zu sprießen. Damals war die Diözese Gurk Trägerin, dann brachte der damalige Caritasdirektor Dr. Viktor Omelko sie zur Caritas Kärnten. „Die Beratungsstelle half Menschen in allen Notsituationen. Es war eine Zeit des Umbruchs. Die Frauen haben allmählich mehr Rechte bekommen, durften etwa ohne Zustimmung des Mannes arbeiten gehen. Mit der Fristenlösung stand die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruches unter gewissen Voraussetzungen vor der Realisierung“, erinnert sich Gründungsmitglied Gabriele Moser (77). Und die damalige Leiterin Sr. Serafine Ogrisek schrieb – vor mehr als 30 Jahren in einer Caritas-Chronik – über die damalige Situation von einem „vermehrten Druck des Partners oder der Angehörigen auf Frauen und Mädchen, auftretende Probleme durch einen Schwangerschaftsabbruch zu lösen“. Die Lebensberatung fing die Betroffenen auf: „Das Angebot persönlicher Hilfe und finanzieller Unterstützung erwies sich für manche werdende Mutter als hilfreich, um neuen Mut zu schöpfen, ihr Kind anzunehmen“, so Ogrisek. Sie war mit Jesuitenpater Reinhold Ettel, der Psychologin Maria Bruckmüller, Ehe-, Familien- und Lebensberater Hermann Brand und Moser bei der Gründung der Lebensberatung federführend.

Anleitung zur Selbsthilfe

„Wenngleich anfangs fast nur Frauen zur Beratung gekommen sind, die in ihrem Umfeld aus Scham kein Wort darüber verloren haben, unterstützt das multiprofessionelle Team neutral und verschwiegen damals wie heute Männer und Frauen in Krisen und Not. Wer will, kann anonym bleiben. Ziel war und ist die Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt Moser. Sie ist heute noch als Sozialarbeiterin mit Mediationsausbildung im Einsatz.

Beratung und Hilfe vor Ort

33 Jahre lang stand der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut Wolfhart Baumann der Lebensberatung vor. Er hat auf die Regionalisierung gesetzt und zu den Beratungsstellen in Klagenfurt und Villach noch welche in den Bezirken Spittal/Drau, St. Veit und Wolfsberg geschaffen, weil: „Ziel war es immer, eine niederschwellige Anlaufstelle für die Sorgen und Probleme von Einzelpersonen, Paaren und Familien zu sein, die in schwierigen und krisenhaften Lebenssituationen Rat und Hilfe suchen. Die sehr weiten Anfahrtswege für Menschen aus den Regionen standen diesem Ansinnen jedoch im Weg.“ Da viele Hilfesuchende unter psychischen und psychosomatischen Störungen litten, hat die Caritas unter Baumann mit der Psychotherapie auch ein neues, eigenständiges Angebot kreiert.

„Alles muss ideal und perfekt sein“

Wir beschäftigen derzeit 45 MitarbeiterInnen in der Familien- und Lebensberatung und damit im Bereich „Menschen in Krisen“. Deren Leiterin Ursula Luschnig sagt: „Der Druck in der Gesellschaft hat sich für beide Geschlechter verstärkt. Alles muss ideal und perfekt sein. Das gilt auch für die Kindererziehung und führt mitunter zu Überforderung.“ Während der Bedarf an Beratung gestiegen sei, sei es aufgrund rückgängiger Fördermittel schwieriger geworden, ihn zu decken. Die psychosozialen und psychotherapeutischen Fachkräfte haben alle Hände voll zu tun, denn: „Im Vergleich zu früher nehmen die Menschen heute viel mehr Hilfe in Anspruch. Sie kommen früher und mehr“, so Luschnig.

Geschichte der Familien- und Lebensberatung

  • 1974 Eröffnung der Lebensberatung der Diözese Gurk
  • 1975 Errichtung der Außenstelle der Lebensberatung in Villach
  • 1977 wurde die Telefonseelsorge Kärnten (damals Telefonseelsorge Klagenfurt als 5. Telefonseelsorgestelle in Österreich) gegründet
  • 1984 Entstehung einer eigenständigen Lebensberatungs-Stelle in Villach
  • Ab 1990 Regionalisierung des Beratungs- und Betreuungsangebotes: Heute gibt es neben Klagenfurt und Villach Standorte der Familien- und Lebensberatung in Spittal/Drau, St. Veit/Glan und Wolfsberg. In Klagenfurt, Villach und Wolfsberg gibt es auch eine Suchtberatung.
  • 1992 Beginn des Elternbildungsangebotes, um (werdende) Eltern, Großeltern und andere Bezugspersonen in ihren Erziehungsaufgaben zu unterstützen und sie in ihren Kompetenzen zu stärken.
  • Seit 1994 Psychotherapie als eigenes Angebot
  • 1996 Startschuss für die Familienberatung am Bezirksgericht Klagenfurt. Gegenwärtig gibt es diese Beratung auch an den Bezirksgerichten Villach, Spittal/Drau, Feldkirchen und St. Veit/Glan. Dieses Angebot ist für Ratsuchende, die sich im Scheidungskonflikt oder mit Fragen bezüglich Obsorge, Besuchsrecht oder Unterhalt an das Gericht wenden, eine gute Ergänzung zur rechtlichen Beratung durch die RichterInnen.
  • 1999 Eröffnung Männerberatung in Klagenfurt

Weitere Infos: https://www.caritas-kaernten.at/hilfe-beratung/beratung-psychotherapie/ 

Foto: Menschen in Krisen-Bereichsleiterin Ursula Luschnig (Mitte) mit ihrem Vorgänger Wolfhart Baumann und Gründungsmitglied Gabriele Moser.