Einkaufserlebnis mit Maske - zwischen Ärger und Verständnis

22.05.20 / 10:59

Wer in einem „carla“ (=Caritas-Laden) Sachspenden abgibt oder einkauft, ermöglicht armutsbetroffenen und armutsgefährdeten Menschen kostenlose Einkaufsmöglichkeiten. Mit „Covid-19“ hat sich auch in unseren Second Hand-Shops viel geändert. – Ein Tag in Corona-Zeiten im „carla“ Klagenfurt, die Reportage eines Zivildieners, der von August 2019 bis April 2020 in unserem Laden in der Landeshauptstadt tätig war.
VON CHRISTIAN SUMPER

„Bevor Sie hineindürfen, müssen Sie sich bitte die Hände desinfizieren“, sagt Noah und deutet auf die Flasche Desinfektionsmittel, die auf seinem Tisch steht. Der Kunde, ein Mann Mitte 30, tut, wie ihm geheißen. An die Maskenpflicht im Geschäft muss der Zivildiener mit den langen braunen Haaren sein Gegenüber nicht mehr erinnern. Wie die meisten Besucher unseres Second Hand-Ladens „carla“ trägt der Mann bereits eine. Noah lächelt ihn freundlich an und reicht ihm einen hauseigenen schwarzen Einkaufskorb. Jeder Kunde muss so einen bei sich tragen. „So können wir leicht überprüfen, wie viele Menschen gerade im Geschäft sind“, erklärt der Zivildiener und putzt seine Brille mit einem Tuch. Durch die unbequeme Atemmaske laufen die eckigen Gläser ständig an. Aufgrund der aktuellen Corona-Krise wird mehr Wert auf Hygiene gelegt als je zuvor. – Um sowohl die Kund*innen als auch die Mitarbeiter*innen vor einer Infektion zu schützen.

Corona bringt neue Regelungen

In unseren „carlas“ sind alle Menschen willkommen. – Egal, ob Arm oder Reich, ob dicker Geldbeutel oder leere Hosentaschen. Mitte März mussten die Läden in Klagenfurt und Villach allerdings vorübergehend geschlossen werden. Der Coronavirus hat die „carlas“ wie viele andere Geschäfte eiskalt erwischt. Seit Ende März haben die drei Mitarbeiter*innen und zwei Zivildiener hinter verschlossenen Türen das Geschäft in der in der Adolf-Kolping-Gasse 4 auf die neuen Corona-Regelungen für Geschäfte vorbereitet. Seit viertem Mai ist der Laden in der sonst so hektischen Klagenfurter Innenstadt auch für Kunden wieder zugänglich. – Allerdings nur für drei Stunden pro Tag. Ein Zettel klebt an der Tür und informiert Kund*innen über die Öffnungszeiten, die von Tag zu Tag variieren. Heute hat der Laden von 9 bis 12 Uhr geöffnet.

Einkaufen, nicht verweilen

Frisch desinfiziert, wandert der Mann von vorhin mit seinem Einkaufskorb durch das menschenleere Geschäft. Es ist ungewöhnlich ruhig. Die wenigen Kund*innen gehen sich weiträumig aus dem Weg, eine Plexiglas-Scheibe trennt die Kassiererin von den Leuten. Die Kaffeemaschine und sämtliche Sitzmöglichkeiten wurden entfernt. Die Kunden sollen – so wollen es die Vorschriften – nur zum Einkaufen herkommen und den Laden möglichst schnell wieder verlassen. „Es ist schade“, sagt Shopleiterin Jaqueline Murn und entleert den Korb eines wartenden Kunden. Mit weißen Einweghandschuhen packt sie zwei Kinder T-Shirts in ein Plastiksackerl und trägt die Preise in den Computer ein. „Normalerweise ist unser carla ein sozialer Treffpunkt, in dem unsere Kundinnen und Kunden viele Stunden verbringen. Doch momentan ist das nicht möglich.“ Der Käufer wartet ungeduldig auf seine Waren. Nervös kratzt er sich am Hals. Das Tragen der Atemschutzmaske scheint ihm unangenehm. Hastig bezahlt er den Betrag von einem Euro – wenig Geld für zwei Shirts. „Wir wollen mit den niedrigen Preisen einen Beitrag für Menschen mit niedrigen Einkommen leisten und natürlich für Menschen, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Sie können bei uns mittels Gutscheinen auch gratis einkaufen“, so Murn.

Maximal zehn Leute gleichzeitig

Während Jaqueline die nächste Käuferin bedient, ist vor der Eingangstür lautes Schimpfen zu hören. Eine ältere Dame macht ihrem Unmut über die neuen Hygienevorschriften Luft. Ihr Pferdeschwanz wackelt kräftig hin und her. Noah zeigt mit dem Finger auf das Desinfektionsmittel. Der Zivildiener spricht ruhig, doch der Stress ist ihm anzusehen. Dennoch gelingt es ihm, die Frau zu überzeugen. Leise vor sich hin murmelnd, desinfiziert sie sich die Hände und verschwindet im Laden. „Manche Leute verstehen die Notwendigkeit der Sicherheitsmaßnahmen nicht“, seufzt Noah und entfernt kurz seine Maske, um einen Schluck zu trinken. „Doch zum Glück war das nur eine Ausnahme. Die meisten Kundinnen und Kunden halten sich an die Regeln“. Mittlerweile hat sich eine kleine Warteschlange vor dem Geschäft gebildet. Noah bittet die Wartenden, sich etwas zu gedulden. Laut Vorschrift dürfen sich maximal zehn Personen zugleich im „carla“ aufhalten. „Heute ist wenig los“, meint der Zivildiener. „In den Tagen nach der Eröffnung reichte die Warteschlange beinahe bis zum Kleidercontainer dort“. Der junge Mann deutet auf einen Container an der nächsten Hauswand. Normalerweise würde der Zivildiener den Container jetzt ausleeren, doch heute darf er seinen Platz nicht verlassen, sonst könnte nicht desinfizierte Kundschaft das Geschäft betreten. Es wäre nicht das erste Mal.

Spenden für armutsbetroffene Menschen

Eine junge Dame betritt den Laden mit einem Karton voller Kleidung. Sie ist in Eile. Die jüngsten Spendenaufrufe der Caritas haben sie hierhergeführt. Noah begibt sich zu ihr, um der Frau bei der Spendenabgabe zu helfen. Am Ende sind es drei prall gefüllte Kisten, die Noah in einen blauen Wagen neben seinem Tisch ablegt. Ein anderer Zivildiener eilt herbei, um die Spenden in die Sortierung zu bringen, wo sie noch einmal genau überprüft werden. Dabei muss leider auch viel weggeworfen werden. Durch die Quarantäne haben die Leute die Gelegenheit für einen zweiten Frühjahrsputz bekommen. „Da heißt es leider mitunter auch Quantität statt Qualität“, sagt Thomas, der zweite „Zivi“ des Geschäfts. Viel Zeit zum Reden hat er nicht. Die Spenden müssen schnell ins Lager gebracht werden, und in der Sortierung wird Hilfe benötigt. Die wartenden Menschen machen ihm und dem Spendenwagen Platz. Geschickt steuert Thomas das Gefährt zum Nebengebäude, wo sortiert wird.

Schutzmaskenproduktion in der Sortierung

Seit Beginn der Krise werden in der Sortierung des „carla“ nun auch Schutzmasken genäht, die online und im Geschäft verkauft werden. Die Nachfrage ist groß. Erst vor Kurzem erhielt man gemeinsam mit der Caritas Steiermark einen Großauftrag, jetzt wird fleißig genäht.

„Lernen fürs Leben“

Mittlerweile ist es beinahe 12 Uhr. Die letzten verbleibenden Kund*innen werden zur Kassa gebeten. Die frühe Sperrstunde ist Gewöhnungssache. Jaqueline und die anderen Angestellten verabschieden sich. Ihre Arbeit für heute ist getan. Für die Zivildiener fängt der Arbeitstag hingegen jetzt erst richtig an. Nun gilt es, die Verkaufsfläche zu putzen, Ware nachzuteilen und den Abfall zu entsorgen. Erst um 17.30 Uhr ist die Arbeit beendet. Die neue Arbeitsstruktur im „carla“ ist äußerst ungewöhnlich. Für Noah ist diese Ausnahmesituation dennoch eine Bereicherung. „Man erlebt so einiges. Noch mehr als bei der normalen Arbeit. Noch viel extremer“, fügt er nach kurzer Überlegung hinzu. Dennoch ist er froh, jetzt in der Krise Zivildiener zu sein. „Man lernt etwas fürs Leben“, sagt er und schaltet das Licht auf der Verkaufsfläche ab. Auch die Tür wird nun zugesperrt. Eingekauft wird hier erst morgen wieder. In der Zwischenzeit bereitet Thomas die Putzutensilien vor. Es ist der letzte Teil des täglichen Hygienerituals. Wenn der Coronavirus etwas bewiesen hat, dann, dass Sauberkeit eine hohe Tugend ist. Vor allem in einem Second-Hand Laden wie diesem.