„Jede*r von uns kann in eine Notsituation kommen“

20.11.20 / 14:25

Cornelia Schneider hilft seit fast zehn Jahren Menschen in Notlagen. Die 38-jährige Lebens- und Sozialberaterin spricht im Krone-Interview über die Sorgen und Ängste angesichts Corona, unsere vielfältige Hilfe und wie ein Gutschein große Freude bereiten kann.

Unser Motto „Not sehen und handeln“ ist aktueller denn je. Die Berater*innen der Caritas-Sozialberatung bleiben selbstverständlich auch in der herausfordernden Corona-Zeit für Menschen in Not da!

Wie macht sich der zweite Lockdown in der Sozialberatung bemerkbar?

Die Situation hat sich leider dramatisch verschärft. Viele weinen am Telefon. Menschen, die schon vor der Krise in einer Notlage waren, wissen nicht mehr, wie es jetzt weitergehen soll. Wir bemerken aber auch viel neue Not von Familien, die im ersten Lockdown noch mit dem Notgroschen über die Runden gekommen sind. Der ist jetzt aufgebraucht. War im Frühjahr noch Zuversicht zu spüren, so sind es momentan Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.

Was kann die Caritas in dieser Situation tun?

Wir sind für die Menschen da, bleiben für sie da, haben ein offenes Ohr für ihre Sorgen, Ängste und Nöte. Wir beraten sie, prüfen die Lage und schauen, wie wir ihnen helfen können. Manchmal geschieht das mit Lebensmitteln, ein anderes Mal mit Kleidung, und oft greifen wir den Betroffenen mit finanziellen Überbrückungshilfen unter die Arme.

Wer ist betroffen?

Zurzeit wenden sich besonders viele Menschen, die in der Gastronomie tätig sind, verzweifelt an uns. Sie haben ihren Arbeitsplatz verloren und befürchten, dass sie auch im Winter nicht auf Saison gehen werden können. Von Armut betroffen sind in erster Linie Menschen, die ihren Job verloren haben, in Kurzarbeit gehen müssen oder auch Alleinerziehende, denen plötzlich keine Alimente mehr gezahlt werden konnten oder können. Wir bemerken eine massive Steigerung bei den Hilfs-Anfragen. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals so viele schriftliche Anfragen bekommen haben. Die Menschen kämpfen mit großen finanziellen, persönlichen, aber auch gesellschaftlichen Entbehrungen.

Und viele klopfen zum ersten Mal um Hilfe an.

Ja, im Zuge der Krise kommen viele Menschen zu uns, die zum ersten Mal in ihrem Leben mit finanziellen Problemen und Jobverlust konfrontiert werden. Eine gewisse Scham und Unsicherheit ist spürbar. Wenn mir Leute sagen: „Normal sitze ich immer auf der anderen Seite des Tisches. Ich dachte nie, dass mir so etwas passieren könnte“, stimmt mich das nachdenklich, da es jedem und jeder Einzelnen von uns passieren kann.

Welche Hilfen werden angeboten?

Mittels einer Haushaltsaufstellung erheben wir die finanziellen Engpässe und den finanziellen Hilfsbedarf. Wir leisten Unterstützungen bei Wohn- und Energiekosten, bei Bildung und mit Gutscheinen für Lebensmittel, mit Bekleidung und Windeln für den täglichen Lebensbedarf. Das Hauptaugenmerk liegt aber in der Beratung. Ich versuche, unser Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ in meine tägliche Arbeit zu integrieren. Wir ermutigen Menschen, ihre eigenen Fähigkeiten und Ressourcen zu mobilisieren, um selbst zu einer Verbesserung der Lebenssituation beizutragen. Auch das Gefühl, dass jemand daran glaubt, es schaffen zu können, kann Berge versetzen.

Viele Menschen leiden neben der finanziellen Not und der sozialen Distanz auch unter der Einsamkeit. Wie wirkt sich diese aus?

Schwierig ist es meiner Meinung nach, dass es zurzeit keine Aussicht auf ein Ende der Pandemie gibt. Wegen immer neuer Hiobsbotschaften ziehen sich viele Menschen zurück. Dieser „Corona-Stress“ kann große Auswirkungen haben. Jede*r geht anders damit um. Wenn das soziale Umfeld nicht passt, wird es schwierig. Viele Menschen, die in die Beratung kommen, haben einfach Angst, dass es nie mehr so sein wird, wie es war. Dann ist es unsere Aufgabe, ihnen ein kleines Stück dieser Angst zu nehmen. Wenn wir es allein nicht können, können wir auf das große Caritas-Netzwerk zählen. Dann helfen meine Kolleg*innen in der TelefonSeelsorge und in den Familien- und Lebensberatungsstellen weiter.

Alleinerziehende sind von Armut und Ausgrenzung besonders betroffen. Hinzu kommt der fordernde Schulalltag der Kinder. Wie meistern die Betroffenen die Situation?

Beschriebenes ist eine Realität, die viele alleinerziehende Frauen und Männer leben. Es ist eine massive Herausforderung in Zeiten von Covid-19, Organisatorisches, Finanzielles und Berufliches unter einen Hut zu bringen. All das alleine zu bewältigen, ist eine beachtliche Leistung, die zu oft übersehen wird. Aus der Corona-Krise darf keine soziale werden! Wie auch in Normalzeiten steht die Caritas in dieser enormen Krise für eine solidarische Haltung, um jenen helfen zu können, die in Existenznöten sind.

Zusammenhalten und einander helfen sind das Gebot der Stunde. Wie kann jede oder jeder Einzelne von uns ein bisserl Licht in diese trübe Zeit bringen?

Zum Beispiel mit einem Gutschein für Betroffene. Wir sind überzeugt, dass die Nächstenliebe nicht in den Lockdown geht und wollen heuer neben unserer vielschichtigen Hilfe Menschen auch schöne Weihnachtsmomente bereiten. Menschen, die kein Geld haben, können von einem Friseurbesuch oft nur träumen. Mit einem Gutschein kann der aber schnell wahr werden, wie wir von unserer Sommer-Aktion wissen. Die Reaktionen der Beschenkten damals waren berührend. An die Freude einer Frau kann ich mich besonders gut erinnern. Sie sprach davon, dass ihr der ermöglichte Ausflug vorkam, als wäre Geburtstag, Weihnachten und Ostern an einem Tag. Viele Hilfesuchenden sind es nämlich nicht gewohnt, dass ihnen so Gutes getan wird.

Gutscheine an die Caritas senden: Alexandra Wagner, Sandwirtgasse 2, 9010 Klagenfurt.
Alle Informationen zu unserer Aktion "Weihnachten in Teil-Land" finden Sie auch hier.

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