Helfen ohne Angst

08.02.21 / 15:45

In den letzten Tagen wurde ich oft gefragt, „warum so viele Österreicher*innen notleidenden Kindern nicht helfen wollen". Ich weiß es nicht und ich glaube auch nicht, was uns bestimmte Umfragen vermitteln wollen.

In der Caritas kämpfen wir tagtäglich gegen alle Formen der Not, und in der 100-jährigen Geschichte gibt es kein Schicksal und keine Angst, die uns unbekannt wären. Und: Viele Menschen unterstützen unsere Arbeit.
Eine Angst hat in den letzten Jahren leider zugenommen: Die Angst vor armen und hilflosen Menschen. Es ist paradox, denn noch nie in der Geschichte ist es in Österreich so vielen Menschen so gut gegangen wie jetzt – auch in der Corona-Krise.

Menschen fürchten sich nicht vor Kindern, sondern davor, dass zu viele Flüchtlinge in Österreich den eigenen Wohlstand, die Arbeitsplätze und damit die eigene Zukunft gefährden könnten. Keine dieser Befürchtungen ist bisher eingetreten und es ist mir kein Fall bekannt, bei dem humanitäre Hilfe im In- oder Ausland zu sinkendem Wohlstand geführt hätte – auch nicht nach 2015.

Selbst in Zeiten bitterster Not wie in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg haben tausende Menschen in unserem Land Schutz und Hilfe erhalten – und manche davon sind geblieben. Ihre Kinder und Enkel sind heute unsere Nachbarn und Freund*innen. Ich verstehe die Ängste vieler Menschen, aber ich habe kein Verständnis, wenn diese Ängste missbraucht und vergrößert werden. Die Logik der Angst entwirft verzerrte Bilder der Wirklichkeit. Von meinem Vater, der auch Bergführer und Schilehrer war, habe ich gelernt, dass jedem zu helfen ist, egal wie sich jemand in Gefahr bringt. Persönliche und politische Ressentiments haben hier keinen Platz. Auf keinen Fall darf man hilflose Kinder im Dreck liegen lassen, um eine erzieherische Botschaft zu vermitteln. Weder im Lawinenhang noch auf Lesbos gilt der Pull-Effekt. Aufgabe von Politik ist es nicht, Menschen in Not zu belehren, sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sie ihre Not überwinden können. Wer Menschen in Not belehrt, ohne ihnen zu helfen, gleicht einem Retter, der einem Ertrinkenden das Schwimmen beibringen will. Beides wird schiefgehen.

Durch Hilfe wird niemand ärmer – wenn wir unser Herz öffnen, geht es allen besser.

Mag. Ernst Sandriesser

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