Gerade auch in der Pandemie für die Menschen da

08.06.21 / 13:00

Ein Jahr voll besonderer Herausforderungen: Wir präsentieren unseren Wirkungsbericht 2020. Er zeigt anschaulich, wie wir unter dem Eindruck der Corona-Krise gewirkt haben. Mit Spenden und persönlichem Engagement zeigten die Menschen in Kärnten ein bewundernswertes Maß an Solidarität.

Die vierfache Mutter Nadine (Name geändert) kam mit ihrer Familie bis zur Arbeitslosigkeit ihres Mannes durch die Corona-Krise halbwegs über die Runden. Doch mit dem Verlust des Jobs fehlte an alle Ecken und Enden das Geld. Als die Waschmaschine kaputtging, musste die Frau Mitte 30 jeden Tag einen Berg Kinderkleidung mit den Händen waschen, bis diese rissig waren und die Maschine schließlich mit Caritas-Hilfe erneuert werden konnte. Auch bei Gustav (Name geändert) ist das Geld sehr knapp. Der 54-Jährige – für kurze Zeit obdachlos gewesene – Invalidenrentner kommt regelmäßig in die Lebensmittelausgabe (LEA), um sich mit dem Notwendigsten zu versorgen. Er sagt: „Bevor ich hierhergekommen bin, ging ich nicht selten hungrig zu Bett und stand auch hungrig wieder auf.“ Das sind zwei Geschichten gelungener Caritas-Hilfe aus dem vergangenen Jahr.

So haben wir im Miteinander gewirkt

Obwohl wir mit unseren vielen Tätigkeitsfeldern von der Nothilfe über die Pflege bis zu den Beschäftigungsprojekten und Schulen selbst von allen Corona-Maßnahmen betroffen gewesen sind, gingen wir mit unserer Hilfe und Diensten nicht in den Lockdown. Beispiele für die breit gefächerten Hilfeleistungen liefert unser Wirkungsbericht 2020, der nun in gedruckter und digitaler Form vorliegt und dessen Zahlen eine deutliche Sprache sprechen: Lebensmittelgutscheine im Wert von mehr als 47.000 Euro (+68 Prozent) für Familien, denen das Geld fürs Lebensnotwendige fehlt; 9.574 Beratungen für obdach- und wohnungslose Menschen; über 200.000 Euro Zuschüsse allein im Bereich Wohnen, 39 Prozent mehr für Miete und 35 Prozent mehr für Energie als im Jahr davor; dazu bis zu 20 Prozent mehr Bedarf an psychosozialen Beratungen und Psychotherapien für Menschen in seelischer Not. „Die Pandemie hat Menschen, die schon vorher ihr Leben ohne finanziellen Spielraum gestalten mussten, aber auch Selbstständige und kleine Firmen mit voller Wucht getroffen“, weiß unser Direktor Ernst Sandriesser. Und: „Das Jahr 2020 war auch für uns und unsere Mitarbeiter*innen extrem herausfordernd. Während das Land heruntergefahren wurde, also das öffentliche Leben in den Lockdown ging und mit ihm eine hohe Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit einhergingen, blieben wir verstärkt für die Menschen da, die unsere Hilfe dringend brauchten: Menschen ohne Dach über dem Kopf; Menschen ohne ausreichendes Einkommen und ohne Perspektive; ältere und kranke Menschen in unseren Pflegewohnhäusern.“ Für Sandriesser hat sich gezeigt, „dass wir als Gesellschaft große Prüfungen nur bestehen, wenn wir zusammenhalten. Dank des unermüdlichen Engagements unserer hauptamtlichen und freiwilligen Mitarbeiter*innen ist es uns trotz Pandemie gelungen, die armutsbetroffenen Menschen gut zu versorgen. Engagement und Zusammenhalt ermöglichen, dass wir als Caritas in dieser fordernden Zeit einander beistehen und auf die Schwächsten nicht vergessen“.

Großartige Leistungen in der Pflege

Der nun vorliegende Bericht verdeutlicht, wie wir in der Diözese Gurk-Klagenfurt konkret gewirkt haben. Da ist von der Bewältigung der Anfangsschwierigkeiten nach Ausbruch der Corona-Pandemie ebenso die Rede wie von den großartigen und herausfordernden Leistungen der Pflegekräfte in dieser Zeit. Erzählt wird auch, wie Menschen mit Behinderungen bzw. psychischen Erkrankungen (in unseren-Einrichtungen) diese Zeit erlebt haben oder auch wie Menschen in den Partnerländern der Auslandshilfe diese Krise bewältigen müssen.

Wer von finanzieller Not betroffen ist

Die Armut ist in Kärnten in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Zu Beginn der Pandemie kamen vor allem Alleinerzieher*innen, Familien mit mehreren Kindern, ältere, körperliche oder psychisch kranke Menschen finanziell nicht über die Runden. Nunmehr sind auch Selbstständige, die ihre Firmen zusperren mussten, beziehungsweise Menschen, die durch Corona völlig unerwartet ihren Job verloren haben oder ihrer Arbeit nur noch teilweise nachgehen können, von finanzieller Not betroffen. Das spiegelt sich auch in unseren Zahlen wider. Wir haben im Vorjahr 6.471 Menschen in finanziellen und sozialen Notlagen geholfen. Auffallend: Fast die Hälfte der Hilfesuchenden, also 3.047 Menschen, hat davor die Hilfe der Caritas noch nicht in Anspruch nehmen müssen. Allein heuer verzeichneten wir von Jänner bis April 1.275 Anfragen in unseren vier Sozialberatungsstellen in Kärnten und eine Steigerung bei den Neuanträgen um 57 Prozent.

Hilfe auch bei seelischer Not

Viele Menschen leiden aber nicht nur an finanzieller, sondern auch an seelischer Not. So registrierten wir im letzten Jahr insgesamt 21.054 Beratungen und Psychotherapien in ihren fünf Familienberatungsstellen und der Männerberatung in Kärnten. 14.843 Mal läutete das Telefon in der TelefonSeelsorge. Die half 499 Mal auch via Online- und Chatberatung. „Corona hat die seelische Not verschärft. Viele Menschen leiden unter der Krise oder gar an psychischen Erkrankungen, die einem Jobverlust, Konflikten innerhalb der Familie, Vereinsamung oder der allgemeinen Überforderung geschuldet sind“, weiß unser Direktor Sandriesser. Die Pandemie hat die Suchtproblematik verschärft. „Es gab vermehrt Rückfälle. Viele Menschen haben auch präventiv unsere Beratungsstellen aufgesucht.“

Sparsam, aber effektiv

Wenn wir Not sehen, handeln wir– mit Unterstützung von 655 Freiwilligen, 8.458 Spender*innen, engagierten Unternehmen und Kooperationspartner*innen im vergangenen Jahr. Sandriesser und unsere kaufmännische Geschäftsführerin Marion Fercher danken für deren Vertrauen. Sandriesser: „Sie ermöglichen es uns erst, Menschen in Not zu helfen und zu begleiten! Auch wenn viele Menschen unter den Pandemie-Maßnahmen gelitten haben, spürten wir eine große Spenden- und Hilfsbereitschaft.“ Wir sind nicht nur eine Hilfsorganisation, sondern auch ein Dienstleistungsunternehmen in den Bereichen Pflege, Menschen mit Behinderung, Schulen und Kinderbetreuung. „2020 war auch für uns ein forderndes Jahr. Corona ließ die sozialen Nöte im Land steigen. Dank der großzügigen Unterstützung unserer Spender*innen konnten wir auch diese neue Not lindern“, freut sich Fercher. Wir haben im Vorjahr in allen Bereichen mehr als 49,5 Millionen Euro eingesetzt. „Die Kosten für die Administration betragen schlanke 4,86 Prozent. Die Verwendung der Mittel wird mehrfach überprüft. Wir garantieren einen verantwortungsvollen Umgang damit.“ 2020 sind 3,85 Millionen Euro (+51 Prozent) an Geld- und Sachspenden bei uns eingegangen. Mehr als 2,7 Millionen Euro wurden für Menschen in finanziellen, sozialen und seelischen Notlagen ausgegeben. 1,1 Millionen Euro wurden von den Spender*innen für Ernährungs- und Bildungsprojekte der Auslandshilfe zweckgewidmet.

Sorgenkind Langzeitarbeitslosigkeit

Mit Stand April 2021 waren 22.300 Menschen als arbeitssuchend gemeldet, Tendenz abnehmend. Besorgniserregend ist jedoch, dass der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen von 17 Prozent im April 2019 auf 27 Prozent im April 2021 gestiegen ist. Bei Direktor Ernst Sandriesser schrillen die Alarmglocken, denn: „Die heute Langzeitarbeitslosen sind die Armutsgefährdeten von morgen!“ Er fordert daher zusätzliche öffentliche Investitionen, um dringend benötigte Arbeitsplätze in Unternehmen, Gemeinden sowie im gemeinnützigen Bereich zu schaffen. Außerdem: „Unsere Erfahrung zeigt, dass es gerade für von Langzeitarbeitslosigkeit betroffene Menschen zielgruppenspezifische und langfristige Beschäftigungsmaßnahmen braucht, um sie bei ihrer Rückkehr in die Erwerbsarbeit zu unterstützen. Vor allem eine individuelle Betreuung je nach Fähigkeiten der Beschäftigten ist von nachhaltiger Bedeutung“, so der Caritasdirektor. Wir selbst unterstützen langzeitarbeitslose Menschen mit unterschiedlichen Projekten, etwa über den SPAR-Supermarkt der „Perspektive Handel Caritas GmbH“ in Villach oder das kürzlich gestartete Gartenprojekt „grown.care“, das beschäftigungslosen Frauen und Männern eine stundenweise Beschäftigung bietet. Langzeitarbeitslose Menschen finden auch in den Caritas-Läden „carlas“ dank eines gemeinnützigen Beschäftigungsprojektes Unterstützung. Es handelt sich dabei um ein aus AMS-Mitteln gefördertes Kooperationsprojekt mit der GPS Kärnten GmbH.

Gute Jobchancen im Sozialbereich

Die Arbeitslosigkeit könnte eine Chance für die Pflege sein, die unter einem akuten Fachkräftemangel leidet. Die Caritas-Schulen, an denen es noch freie Plätze für das kommende Schuljahr gibt, bereiten auf soziale Berufe vor und bilden mit Fach-/Diplomsozialbetreuer*innen in der Altenarbeit inklusive Pflegeassistenz und Fach-/Diplomsozialbetreuer*innen in der Behindertenbegleitung die Fachkräfte von morgen aus. Wer Erfahrungen im Sozialbereich sammeln will, ist aber auch als Zivildiener bei der Caritas willkommen.

100 Jahr-Jubiläum und Herausforderungen der Zukunft

Wir stehen seit 100 Jahren Menschen zur Seite, die sich allein nicht helfen können. Sandriesser sieht im heurigen Jubiläumsjahr große Aufgaben auf die Hilfsorganisation und Gesellschaft zukommen: „Es ist zu befürchten, dass die soziale Ungleichheit in Folge der Pandemie zunehmen wird. Es braucht eine Überprüfung aller Versicherungs- und Sozialleistungen auf ihre Armutsfestigkeit hin. Außerdem wird uns der Klimawandel in den nächsten 100 Jahren noch stärker als bisher herausfordern und global zur alles bestimmenden sozialen Krise des Jahrhunderts werden.“ Um die Herausforderungen der Zukunft gemeinsam zu meistern, appelliert der unser Direktor an die Solidarität aller und bittet alle Kärntnerinnen und Kärntner, unsere Arbeit (weiterhin) zu unterstützen.

Digitale Reise durch die Caritas

Auch heuer nehmen wir Sie wieder online auf eine Reise durch die Caritas Kärnten mit: Wir geben Ihnen Einblicke in die Herausforderungen unserer Arbeit während der Pandemie und wollen Ihnen mit ganz persönlichen Geschichten sowie Highlights des letzten Jahres zeigen, wie unsere Arbeit und Ihre Spende auch in Corona-Zeiten wirken konnten.